tw_DSC_6652(ms) „Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Anzahl der Tage, an denen man überlebt hat (also nicht gestorben ist) zu, – somit steigt auch, je älter man wird, die Wahrscheinlichkeit, dass man überhaupt nicht stirbt!“ Zugegeben, sehr theoretisch, aber das lässt einen doch viel positiver durch’s Leben gehen. Diese Botschaft nahm am Freitag eine ausverkaufte Ems-Halle mit nach Hause. Bereits um kurz nach 19 Uhr reichte die Schlange derer, die Einlass begehrten bis zur Nordwalder Straße aber dann ging es fix. Zu Beginn seines Programms kam er nicht Drumherum, auf die aktuellen Ereignisse der vergangenen Woche einzugehen und haderte da insbesondere mit den Medien und deren sensationslüsterner Berichterstattung. „24 Stunden rund um die Uhr werden immer wieder Informationen herausgegeben, ohne überhaupt Informationen zu haben.“ Tosenden Applaus gab es, als die Speerspitze des deutschen Kabaretts auf die Presselandschaft einging, denen nichts heiliger als die eigene Auflage ist, – wenn da dann schon mal Falschmeldungen produziert werden, dann ist das halt Pech, die Headline (für die eine Ausgabe schon mal extra verbreitert wird) hat zuvor den erhofften Verkaufserfolg gebracht.

Seit mittlerweile annähernd 20 Jahren ist Nuhr mit seinen Soloprogrammen in Deutschland unterwegs, am Freitag zum inzwischen vierten Mal in Emsdetten. Er sprach über alles, was ihm gerade in den Sinn (oder auf sein Tablet) kam, lobte das vielseitige Parteienspektrum bei der letzten Bundestagswahl, dass es da jetzt auch die „Violetten“ gab, – muss wohl die letzte freie Farbe gewesen sein, prangerte aber gleichzeitig an, dass auch die vielen Nichtwähler sich (weil nicht gewählt, ohne jegliche Berechtigung) über die aktuelle Politik beschweren. Dabei kann jede einzelne Stimme so wichtig sein: „Im demokratischen Nordkorea zum Beispiel, da zählt auch nur eine Stimme – gut, da haben halt alle Anderen das Nachsehen…..“

Nuhr schwelgt in Erinnerungen, wie er damals seiner kleinen Tochter vorm Einschlafen vorgelesen hat: „Ich mach das übrigens heute noch, nur, dass da jetzt ein Kerl daneben liegt.“

Nuhr, spitzfindig, feinfühlig, wortgewandt, provokant, ehrlich (vermutlich), begeistert das Publikum häufig auch durch die unausgesprochenen Dinge, die aber irgendwie doch von ihm vorgegeben sind.

Im Anschluss an die Veranstaltung stand Dieter Nuhr dann „Alles Detten“ noch für einige Fragen zur Verfügung:

Möglicherweise, eventuell, bestimmt gibt es etwas, das Emsdetten auszeichnet, Ihnen Grund gibt, auch im Januar 2016 wieder hier zu spielen. – Was ist das?

Neben der verkehrsgünstigen Lage? Die vollendete Renaissancearchitektur ist es nicht, die mich in die Stadt zieht. Eher das extrem treue Publikum. Mein aktuelles Programm haben in Emsdetten 5000 Leute gesehen. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Stadt eigentlich nur auf 300 Bewohner hin konzipiert wurde. Vielleicht fehlen mir da aber auch ein paar Informationen zur Stadtgeschichte. Ich komme jedenfalls sehr gerne wieder! Gute Stimmung, begeisterungsfähige Leute. Danke!

Vielleicht liege ich da falsch, aber mir ist (gegenüber früheren Veranstaltungen) die vermehrte Präsenz von Sicherheitskräften und Einlasskontrollen aufgefallen. Haben die neuerlichen Reaktionen „Betroffener“ auf Ihre zeitweise provokanten Äußerungen bei Ihnen zu einer erhöhten Bewahrung des Selbsterhaltungstriebes geführt?

Das ist mir nicht aufgefallen, aber in der Tat, gemeinhin wird in dieser Zeit, in der man als durchgeknallter Gewalttäter zum Internethelden werden kann, auf Sicherheit erhöhten Wert gelegt. Ich freue mich auch immer, wenn ich überlebe, kann das also nachvollziehen.

Ihr Feedback zum Auftritt in Emsdetten, – blieb die Halle still, an Punkten, wo Sie den absoluten Brüller erwartet hätten……?

Nein. Ich fand die Stimmung extrem gut. Und der Anfang, der der Flugzeugkatastrophe gewidmet war, war halt diesmal ernst. Etwas anderes ließ die Nachrichtenlage auch nicht zu. Man kann sowas ja nicht einfach übergehen und so tun, als wäre nichts passiert. Danach stellte sich dann recht schnell wieder die gewohnt gute Laune ein. Das ist ja auch gut so. Das Leben geht weiter, auch wenn ständig schlimme Dinge passieren. Das ist Teil des Lebens, auch wenn diese Katastrophe mich zumindest extrem berührt hat.

Ändert sich das Programm im Laufe der Tour, – werden Nummern gecancelled, die nicht die erwartete Wirkung zeigen? Wie viel Improvisation steckt in so einem Abend?

Am Anfang wird mehr improvisiert, am Ende der Laufzeit weniger. Das Programm ändert sich ständig, allerdings vor allem im ersten Teil. Das liegt weniger an unerwarteten Wirkungen, sondern an der Aktualität. Ich richte mein Programm nicht an der Reaktion des Publikums aus, sondern an dem, was ich gerne sagen möchte.

Hat Bushido schon auf Ihre Reaktion reagiert? – Bitte nur die klar verständlichen Äußerungen.

Ich habe nichts gehört, wir haben aber auch noch keine Telefonnummern ausgetauscht. Ich hoffe einfach mal, er hat Humor. Die Hoffnung stirbt zuletzt

Über zweieinhalb Stunden redet der Düsseldorfer Jung mit Punkt und Komma, weil eben diese in der deutschen Sprache auch gewaltiges Ausdruckselement sein können. Die annähernd 3.000 Zuschauer gingen allesamt mit einem Schmunzeln auf den Lippen wieder aus der Halle. Nuhr gab im Foryer fleißig Autogramme und kommt ja bald schon wieder: am 31. Januar 2016, ein Sonntag, – rechtzeitig um Karten kümmern wäre eine gute Idee…

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht. Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.