Schuetzenfestsafari_neu2„Ick hab da jehört, det hier irjendwo unser Bär tanzen solle, wo is’n det?“

Berlin ist zwar Bundeshauptstadt, Weltstadt mit Flair, Charisma, – was Kultur angeht unübertroffen – aber bezüglich Schützenfest tiefste Provinz. Das Ehepaar Kaiser aus Berlin hat davon gehört, dass beim Schützenfest in Emsdetten sprichwörtlich „der Bär abgeht“, ist am zweiten Wochenende im Juli zu Gast in der westfälischen Stadt an der Ems. „Da woll’n mer mal kieken wat hier so abjeht wa“ wundern sie sich erstmal bei der Ankunft in der kleinen beschaulichen Wannenmacherstadt über den Straßenschmuck. „Wieso sind n det verschiedene Farben?“ ist die Frage, als wir vom blau-weißen Flaggenmeer der Teupen-Schützengesellschaft in das rot-weiß bewimpelte Gebiet der Hagelisten wechseln, – schon zwei Minuten später kündigen grün-rote Fahnen die neue Heimat der Kaisers für die nächsten drei Tage an, – die Hollinger Schützengesellschaft.

„Rainer – kiek mal, so schnell sind wer noch nie von’n Osten in’n Westen rüber jemacht wa?“ Die überspitzte Bemerkung von Marianne Kaiser hat nicht nur einen Hauch des typischen Berliner Humors bezüglich Vergangenheitsbewältigung, sie ist vielmehr eine Anspielung auf die Überschaubarkeit Emsdettens. Eine Fahrt quer durch Berlin entspricht in etwa der Strecke vom nördlichsten Punkt in Rheine bis an den südlichsten Zipfel Münsters, wobei das Verkehrsaufkommen auf der Hauptverkehrsachse, dem Grevener Damm, fast einer verkehrsberuhigten Zone in Berlin Mitte gleichkommt. Hat Berlin seinen Ku’Damm und Düsseldorf seine Kö, steht Emsdetten dem mit seiner Ki nichts nach. Die Kirchstraße einst Flaniermeile für die Jugendlichen und Junggebliebenen, seit jeher Einkaufsstraße  und neben dem „Brink“ auf der gegenüber liegenden Seite der Pankratiuskirche, Herzstück der inzwischen bald 40.000 Einwohner zählenden Stadt im nördlichen Münsterland, werden die „Spree-Athener“ auch noch kennenlernen. Den Vergleich mit Athen wird Berlin allerdings aktuell wohl gar nicht gerne hören…

Der Berliner Dialekt, der vor der roten Ampel aus dem offenen Wagen schallt, vereint sofort die Blicke der umstehenden Radfahrer auf sich. „Berliner kennt man hier im Allgemeinen nur als mit Marmelade gefüllten Kuchen den man sich beim samstäglichen Bummel über den Wochenmarkt schon mal gönnt.“ – versuche ich, den noch-Schützenfest-Fremden die Blicke zu erklären. Aber auch das bleibt nicht unkommentiert: „Det würde ja bedeuten, dat der Kennedy jesacht hat: Ick bin een Pfannekuchen!“ Manchmal kann man Berliner Schnauze einfach nicht wechseln.

Nachbarschaften hängen gerade vereint ihre Hausfahnen aus. Leute von den Vorständen sind noch damit beschäftigt, an den Ortseingängen die Transparente „Wir kämpfen für unser Krankenhaus“ kurzzeitig durch „SCHÜTZENFEST – Bitte langsam fahren“ zu ersetzen, – genauso gut könnte man eine Schaufel Sand in die Wüste tragen. „Kiek ma, da hängt eene anders rum, – oder is det bloß Zufall, dat sonst immer jrün nach vorne hängt?“ „Die hängt tatsächlich falsch – aber lass mal, hier ziehen wir heute Abend noch vorbei, das riecht nach Hexenkasse…“ Nicht so recht wissend, was mit Hexenkasse gemeint sein könnte, wird die Antwort erst einmal so hingenommen.

(wird fortgesetzt)

 

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht. Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.

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