Schuetzenfestsafari_neu2

„Das Schießen soll ziemlich spannend gewesen sein?“ – „Ganz ehrlich, – ich hab schon nicht mehr daran geglaubt, dass ich überhaupt noch dran komme, – apropos – wo ist eigentlich mein Mitstreiter?“, geht sein Blick suchend durch den Saal. Da sämtliche Schützenbrüder einheitlich in weißer Hose, weißem Hemd und Schützenhut ausgestattet sind, ist es nicht wirklich ein Einfaches in dem Getummel auf Anhieb jemanden ausfindig zu machen. Was der Sieger aus dem nachmittäglichen Schützenduell nicht weiß: Häuptling ‚der-vor-ihm-schoss‘ ist schon lange zu Hause, läßt sich von seiner vermeindlichen Königin trösten und tankt neue Energie für den nächsten Angriff: Morgen will er Scheibenkönig werden.

Das Essen ist schnell bestellt und noch schneller gebracht, – scheint es. Die Getränke hingegen lassen auf sich warten, an der Theke herrscht Hochbetrieb. Doch dann bekommt auch der neue Kettenträger der Hollinger Schützengesellschaft das zuvor georderte Mineralwasser. „Wat is’n det? – Wir sind doch hier nich uff nen Kinderjeburtstag!“ Rainer bestellt sich ein Bier, – ein großes, scheint neuen Lebensmut gefunden zu haben, ahnt jetzt, was mit ‚hier tanzt der Bär‘ gemeint ist und blickt voller Vorfreude auf das, was ihn in den nächsten Stunden erwarten wird. Der Versuch, mit dieser Bemerkung eine Unterhaltung in Gang zu bringen war zwecklos, die schärpenbehangenen Würdenträger sind viel zu sehr mit ich selbst und organisatorischen Fragen beschäftigt. „Hast Du Deinen Eltern Bescheid gesagt?“ „Hallooo? Die sind bereits hier, haben Dir längst gratuliert, was bist Du denn so durch den Wind?“ Die Coolness des Schützen während des zähen Ringens und die Panik der Freundin nach dem gezielten letzten Schuss scheinen sich um 180° gewandelt zu haben. „Tschuldige bitte, aber ich bin zum ersten Mal Schützenkönig.“ „Hört sick ja an, als machst Du det öfters?“ beginnt Marianne ein Gespräch unter Frauen. Und richtig, die amtierende Königin hat vor drei Jahren ausgeholfen, als ihr Cousin keine Königin vorweisen konnte und der Vorstand entsprechend der Statuten damit drohte, dass, wenn nicht in den nächsten 15 Minuten eine Königin genannt werde, der Vogel wieder aufgesetzt und ihm die Kette abgenommen würde. „Oops – so strenge Sitten jibt det hier?“ „Weeste doch, in Deutschland is allet jeregelt, det war früher bei uns so und det is auch heute nich anners. – Is aber auch jut so, der Mensch braucht nen jewissen Anteil….“ „Rainer is jut jetze, – Deine Bullette wird kalt“ „Det war sie bereits, als sie anjekommen is, ick bin mir bloß nich sicher, ob det wirklich ne Bullette oder nich doch ne Schrippe ist. Ich wird der Sache mal auf’n Jrund jehen“, steht Rainer auf und schreitet auf direktem Wege zur Theke.

„Herr Wirt“ – „Kiek äs an, dao is ja usse Stüörtkaor wier!“ – Schallendes Gelächter im Schankraum. Rainer sieht ein, dass er mit seinem Vorhaben wenig Aussicht auf Erfolg haben wird und gesellt sich wieder zu seiner Frau, – das Königspaar ist inzwischen aufgestanden, die ersten Gäste sind eingetroffen.

Direkt nachdem die Königinnen und Vorstandsdamen aus dem Elternhaus des neuen Jungmännerkönigspaares ausgeholt wurden, beginnen die Geschwister und einige Freunde die dringend notwendig gewordenen Aufräumarbeiten. Fast 50 Personen, die alle noch mal schnell ins Bad wollten, sich in irgendeiner Form zurecht machen oder einfach nur in der Stube gesessen haben, auf den Rückmarsch wartend, weitere 100 Schützenbrüder draußen auf der Straße oder in den Anlagen des eigenen bzw. der Nachbarhäuser hinterlassen ihre Spuren. Gleichzeitig beginnen die Vorbereitungen für das nächtliche ‚Eier essen‘. Es ist Tradition, nach Beendigung der Feierlichkeiten das Königspaar nach Hause zu bringen, dieses wiederum bedankt sich, indem es zum Spiegeleieressen einlädt. „Schließ die Schlafzimmertüren ab!“ werden noch letzte Anweisungen gegeben um möglichen nächtlichen Irrläufern vorzubeugen. „Die meisten Flaschen sind ja nur angetrunken, schmeckt denen unser Bier etwa nicht? Für lange Diskussionen bleibt jetzt keine Zeit, schließlich wollen sie doch auch alle noch was vom Schützenfest haben, – ihren König feiern. Aber viele Hände schaffen auch viel und so kommen sie dann doch noch pünktlich zu den letzten Ehrentänzen.

 

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht.

Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.