Schuetzenfestsafari_neu2

Noch während der neue König die Glückwünsche unter der Stange entgegen nimmt, machen sich Adjutant und Nebenreiter auf den Weg zum Haus des jetzt ehemaligen Königs um die Fahne mit der aufgestickten goldenen Krone zum Haus seines Nachfolgers zu bringen. Nach fünfmaligem Klingeln geben sie auf. „Wird wohl niemand da sein, dabei hatten wir extra vorher gesagt, dass wir die Fahne abholen müssen.“ „Vielleicht hat er ja eine Leiter rausgestellt, dann kommen wir da ja dran“ und verschwindet hinter dem Haus. – Was dann passiert ist eine Kettenreaktion, die man so garantiert nicht nachträglich inszenieren kann:

Unser Adjutant geht durch die Pforte in den Innenhof des Hauses, erschrickt plötzlich laut schreiend, als er den scheinbar leblosen Körper der Hausherrin vor sich in einer Hängematte findet, nur sehr dürftig bekleidet. Irritiert durch diesen markerschütternden Schrei wird der scheinbar leblose Körper plötzlich wach und reagiert gelinde gesagt ‚überrascht‘ mit ähnlichem Geräusch, jedoch eine Oktave höher. Ob der plötzlichen Wiederbelebung, – noch nie zuvor hat ihn eine Leiche derart angeschrien -ertönt erneut der Ruf dessen, der doch eigentlich nur eine Leiter holen wollte. Das nebenan wohnende Rentnerehepaar hat für Schützenfest überhaupt keinen Sinn, ist daher an diesem Nachmittag zu Hause, sitzt im Garten bei Kaffee und Kuchen und hört von Weitem die Blasmusik spielen. – Doch plötzlich, was war das??? Man hört ein Auto vorfahren und kurze Zeit später diese Schreie – aus nächster Nähe. Während er sich die alte Schrotflinte von der Wand nimmt und zum Nachbargrundstück eilt, wählt sie die Nummer der Polizei.

„Nehm Deine dreckigen Flossen hoch, Bürschchen!“ ist unser Pensionär überrascht ob seines eigenen Mutes, weiß er doch genau, dass seine Waffe eigentlich nur als Zierstück über dem Herdfeuer hängt,  nicht geladen ist und somit den Eindruck, den sie im ersten Moment vermittelt, sehr schnell verlieren kann. Beide reißen sie ihre Arme hoch. Der fragende Blick der Sonnenanbeterin in Richtung ‚Security‘ bekommt ein zustimmendes Lächeln und sie darf sich das Handtuch wieder umlegen. Der nun eintreffende Rettungswagen sowie die auf drei Fahrzeuge verteilten sechs Polizeibeamten bringen die neugierigen Blicke zahlreicher Schaulustiger mit sich. Auch die örtliche Lokalpresse ist, eine sensationelle Headline mit viel Platz für spektakuläre Fehler schnuppernd, den Auspuffgasen der Streifenwagen gefolgt. „Ist es nur einer? – Wie viele Geiseln hat er in seiner Gewalt? – Kennen Sie den Mann?  Sind Sie der Fahrer des Fluchtautos?“ Bei der letzten Frage wird der als Sicherungsposten vor dem Haus zurückgelassene Beamte plötzlich hellhörig, fummelt hastig an seinem Gurt und hat nach gefühlten zwei Minuten dann auch schließlich die Pistole aus dem Halfter gelöst., in der Hand, entsichert, zielgerichtet auf das Fahrzeug. Die umstehenden Passanten wundern sich ein wenig, wo doch in dem Fahrzeug niemand sitzt, fühlen sich aber gleichzeitig sicher, da so die wilde Fuchtelei des Verkehrspolizisten nicht auf irgendwelche lebenden Objekte gerichtet ist, – höchstens mal im Vorübergehen.

Mit einem Lächeln auf den Lippen aufgrund des aufgeklärten Missverständnisses kommen fünf Polizeibeamte  hinter dem Haus hervor und geben Zeichen, dass die Rettungssanitäter abziehen können, geben Meldung an die Zentrale, dass die ursprünglich angeforderte Verstärkung nicht mehr benötigt wird.  „Ich habe das Fluchtauto voll im Griff!“ – und, als Adjutant und Nebenreiter nun endlich die Fahne abnehmen, deswegen waren sie ja schließlich hier: „Ey guck mal, die klauen vor unseren Augen?!? – Also dreister geht’s ja nun wirklich nicht.“ Die Kollegen erklären den Einsatz als beendet und so verschwindet die Dienstwaffe dann auch wieder in seinem Halfter. Die Fahne wird mit Polizeieskorte zum Haus den neuen Jungmännerkönigs gebracht.

Er sah die Schlagzeilen schon vor sich: ‚Rentner griff geistesgegenwärtig zur Waffe und vereitelte somit Geiseldrama!‘ doch dann wurde er jäh aus seinen Träumen geweckt. „Wat hab ick da für nen Müll jeträumt, soviel hab ick doch noch jar nich jetrunken…“ Rainer überlegt, wer die Personen in seinem Schauspiel gewesen sein könnten. „Ach Mensch, Rainer, jetze haste die Ehrentänze verpennt.“ – War er der vermeintliche Held, der geistesgegenwärtig zur Waffe gegriffen hatte? – Bis zu seinem Rentenalter ist es noch eine Weile hin. Oder war er doch nur der übermotivierte Verkehrspolizist, der das Fluchtauto voll im Griff hatte? Fragen über Fragen, die vielleicht im zweiten Teil seines Traumes beantwortet werden würden. Er lehnte sich genüsslich auf seinem Stuhl zurück, der Kopf fiel ihm zur Seite und er erneut in die faszinierende Traumwelt. „Nix da, jetze wird jetanzt!“ – Marianne fackelt nicht lange und zerrt ihren Gatten auf die Tanzfläche. Cha Cha Cha, seit-vor-schritt-Wechselschritt…

Rainer hinterließ Eindruck ob seiner tänzerischen Fähigkeiten. Die Blicke der umstehenden Damen gehen im Wechsel von dem den Saal derzeit beherrschenden Berliner Tanzpaar und dann wieder zum eigenen Göttergatten – mehrheitlixh Tanzmuffel, wie sie im Buche stehen. „Hoffentlich sieht meine Frau das nicht. – Wenn sie kommt, ich bin mal eben für kleine Königstiiger.“ wieder schallendes Gelächter, die Stimmung wird gelöster, man ist so richtig in Partylaune. – Zwischendurch kommen immer wieder Gäste und machen dem frischgekürten Königspaar ihre Aufwartung: Arbeitskollegen,, Kegelclubs, Nachbarn…. „Hätte ich gewusst, dass der finale Schuss so stressig sein kann, …“  „…Du hättest es wieder getan…“ ergänzt die hübsche Mitregentin an seiner Seite.   „Wart’s ab, morgen kannst Du feiern, da genießt du es so richtig.“ berichtet sein Vorgänger von den Erfahrungen aus dem letzten Jahr. „Dein Wort in Gottes Gehörgang!“

Marianne ist ein wenig stolz auf ihren Rainer, erntet sie doch jede Menge anerkennender Blicke aus der Damenabteilung des Schützenfestes. Doch dann passiert etwas, womit selbst die erfahrene Tanzband nicht gerechnet hat: Nicht die Stimme versagt der neuen Sängerin, sie vergisst eine Textzeile, ein verlegenes, unsicheres LaLaLa kommt ihr zaghaft über die Lippen, – sie wirkt verzweifelt, möchte im Erdboden versinken, schaut sich hilflos um, eine Gruppe Jugendlicher aus dem Spielmannszug die schon die ganze Zeit mitgegrölt haben, singt weiter, sie versucht etwas auf zu schnappen und den Faden wieder zu finden, – erfolglos. Ihr kommen die Tränen. Sie rennt vom Podest quer durch den Saal in den Hinterhof, da, wo noch am Nachmittag Hochbetrieb herrschte, das spannende Schießen stattfand, direkt in die Arme von ‚Häuptling der-vor-ihm-schoss‘. Obwohl sie sich noch nie zuvor gesehen hatten, fühlte sie sich bei ihm sicher, geborgen.

 

 

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht. Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.