Schuetzenfestsafari_neu2

„Scheinen sich ja die beiden Pechvögel des Tages gefunden zu haben.“  Sie blickt ihn fragend an und er erzählt von den Ereignissen an dieser Stelle nur wenige Stunden zuvor. „Und jetzt geh wieder rein und mach aus dem Schuppen ’nen Hexenkessel, – wir sehen uns in der nächsten Tanzpause.“ Er wischt ihr die letzte Träne aus dem Gesicht, sie lächelt ihn an und haucht ihm einen zarten Kuss auf die Wange. Im Saal wird sie mit aufmunternden Worten und Applaus empfangen. „Kann doch jedem mal passieren!“ Mit neuer Kraft, auffallend mehr Power als vor dem Unglück heizt sie der Menge in diesem Schützenfest-Tempel ein, die nächste Tanzpause als Ziel vor Augen.

„Dass Du überhaupt den Mut hast, vor so vielen Menschen zu singen, – also ich könnte das nicht.“ Eigentlich war vorgesehen, dass die Band in dieser halben Stunde vorne in der Gastwirtschaft etwas essen geht, der durch die Textpanne bei den Schützenbrüdern aber in der Sympathiewerteskala gestiegene Pechvogel hat sich entschuldigt: „Ich brauche erst frische Luft, habe auch gar keinen Hunger.“ und war auch schon verschwunden.

Vom Saal her klang die Musik der Spielmannszüge, die den Königen und Jubelkönigen mit einem Ständchen gratulierten und so natürlich auch die eigene Kasse aufbesserten. Es war eine sternenklare Nacht. Der Mond reflektierte das Sonnenlicht und es schien, als wolle jemand von dort oben aus dem All genau diese eine Baumgruppe ausleuchten, in welcher zwei Pechvögel zu Turteltäubchen werden, – sie schauten sich tief in die Augen und beiden war klar, was jetzt geschehen würde.

„Ist die jetzt völlige abgedreht??? Euch ist hoffentlich klar, dass das ihr erster und letzter Gig mit uns war!!!“ der Schlagzeuger ist außer sich vor Wut, überlegt, bei welchem Stück man auf die Frontfrau verzichten kann und sagt dann an: „Drafi Deutscher, Marmor, Stein und Eisen – Eins, Zwei, Eins Zwei Drei…. Weine nicht wenn der Regen fällt….“

Vom Kassierer des Vereins wird ihnen vor Beginn der letzten Tanzrunde eine klasse Show bescheinigt: „Super, die Idee und Umsetzung nach der Tanzpause, plötzlich taucht das Mädel mitten auf der Tanzfläche auf und macht die Kerle verrückt. Jetzt mal ehrlich, der Patzer mit dem vergessenen Text kurz vorher war doch gespielt oder?“ Der Drummer weiß nicht so recht, wie er reagieren soll, lächelt verlegen. „Ich hab den Job also Morgen auch noch?“ Nicht wirklich eine Antwort abwartend, dreht sie sich zum Mikro um und zum Finale noch einmal so richtig auf. Vier Zugaben wird sie später noch geben müssen, bevor letztlich der Festwirt den Strom abdreht und der Major verkündet: „In ca. 5 3/4 Stunden ist Antreten zum Ausholen des noch amtierenden Scheibenkönigs und jetzt gemma gucka, ob der neue König noch wohl ein paar Eier für uns im Kühlschrank hat.

Die Kaisers aus Berlin liegen sich in den Armen und singen noch immer das Lied von der unzerbrechlichen Liebe. „Jranit und Beton – det bricht ook so schnelle nich“  „Woher weeste denn det?“  „Na, weil ich bei Dir immer up Jranit beißen tu.“ – schallendes Gelächter um sie herum, wird doch zu diesem Zeitpunkt jeder noch so flache Witz zum Brüller schlechthin.

„Mensch Rainer, kiek mal uff n Tacho, Du musst uffsteh’n, inner halben Stunde ist Antreten, – die werden nich up Dir warten.“ „Ick hab Urlaub, der Kiosk bleibt heute jeschlossen.“  „Eben drum, – Du wolltest det Schützenfest mitmachen, nicht icke.“ Wie von einer Tarantel gestochen, plötzlich realisierend, wo er sich denn befindet, springt Rainer auf – um sich gleich darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder fallen zu lassen. „Warum haste mir jeschlajen?“  „Ick hab Dir nich ma anjekiekt, – werd‘ mich hüten, so wie Du jerade uss der Wäsche dröppelst.“  „Mir hat aber jemand vor’n Kopp jehau’n.“  „Mach hin, det de unner die Brause kimmst, sonst zieh’n die ohne Dir los.“   „Ick hoffe, Du hast Fotos jeschossen, ick will wissen, wat jestern so allet passiert ist.“  „Schön war et, wir haben jeschwoft wie in alten Zeiten.“  „Dann verjiss det mit die Fotos.“ und kurze Zeit später ertönt aus dem Bad: „Irjendwer hat mir aber vor’n Kopp jehau’n.“  „Det liegt wohl mehr an den Fusel, den Du Dir IN den Kopp jehau’n has‘.“  „Nee, nee, der jing runter wie Öl, der tat nich weh.“

„Haben die die Mauer wieder aufgebaut, hast kein Visum bekommen oder warum bist Du so spät?“ Der Frühschoppen hatte längst begonnen als Rainer um die Ecke schlich. Er wusste genau, jeder Ansatz einer Ausrede würde seine Lage wohl kaum verbessern und so ergriff er die Flucht nach vorne: „OK – ihr habt jewonnen, die nächste Runde jeht uff meinen Deckel.“  „Dat kaas sachte seggen, wenn’t Friebeer giff.“ Wieder großes Gelächter, woher sollte er auch wissen, dass beim Frühschoppen des zweiten Schützenfesttages seit einigen Jahren Freibiert ausgeschenkt wird.

Die Besatzung der Tanzband fährt direkt in den inzwischen „vereinsamten“ Innenhof der Gaststätte, parkt den Anhänger gleich neben dem Hinterausgang des Festsaales, damit in der Nacht sofort das komplette Equipment eingeladen werden kann. – Hier ist sie ihm am Vorabend zum ersten Mal direkt in die Arme gelaufen, hier hatten sie sich in der Tanzpause getroffen und von hier aus waren sie für einen Moment in den siebten Himmel der Glückseligkeit aufgestiegen, sie kann ein Lächeln nur schwer unterdrücken. „Hier warst Du also gestern Abend.“ der Schlagzeuger hat ihr den Aussetzer und das ‚Fernbleiben von der Truppe‘ noch immer nicht verziehen. „Wir müssen noch ’nen SoundCheck machen, die werden bald hier sein!“

Sie hatten gerade alle Instrumente gestimmt, einige Gesangsproben gemacht, die Tonleiter hoch und runter geträllert, als ihr beim „a“ plötzlich alles im Halse zu gefrieren scheint, der Mund bleibt weit offen stehen, die Augen werden immer größer, das neue Scheibenkönigspaar marschiert ein, der Mann der sie vor noch nicht einmal 20 Stunden auf ’seinen Thron‘ gehieft hatte. Er fürchtete ihren Blick, suchte verzweifelt auf der anderen Seite nach bekannten Gesichtern, Freunden oder Nachbarn die sich einen Gruß von der neuen Majestät erhoffen. Trotz der beiden Spielmannszüge und des Blasorchesters war ihr Schlucken zu hören und er war sich sicher, ihm würde gnadenlose Rache widerfahren, – die anfängliche Freude über das Königsein bekam einen jähen Dämpfer, hoffentlich ist dieses Schützenfest bald vorbei….

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht.

Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.