Schuetzenfestsafari_neu2

„Ick komm mir vor wie’n Doktor wa.“ „Schick siehste aus, so janz in weiß“, Marianne rückt ihrem Gatten die Krawatte mit dem Emblem der Schützengesellschaft zurecht und als sie „ganz in weiß“ sagt, lächeln sich beide an, bei diesem Lied, damals heimlich aufgenommen von der West-Hitparade hatten sie immer von einer großen Hochzeit geträumt. Stolz setzt Rainer den Schützenhut auf. Das schwarze Jackett bleibt angesichts der hohen Temperaturen zunächst auf dem Bügel hängen. Als sie am Vereinslokal ankommen, stehen bereits rund 100 Schützenbrüder in den Startlöchern, die Bläser des Musikzuges stimmen ihre Instrumente, die Klöppeljungs aus den Spielmannszügen stellen sich schon in Marschrichtung auf, – zumindest die Jüngeren. Jemand vom Vorstand sieht sofort, dass Rainer ja noch ganz „nackt“ ist, und verkauft ihm ein Drüfken. Erst jetzt gehört er wirklich dazu. Marianne steht stolz am Straßenrand, gleich wird ihr Rainer mit dem ganzen Gelaog zum Kirchgang marschieren. „Hollinger Schützengesellschaft stillgestanden, – reeeeechts uuummm, – im Gleichschritt Marsch!!!“    „Mensch Rainer, wat machste d’n da???“ – auch Gleichschritt will gelernt sein… Das Blasorchester spielt feierlich „Großer Gott wir loben Dich“, die Gemeinde stimmt mit ein, – links und rechts vom Altar stehen die Fahnenabordnungen, vorne liegt ein aus Tannenzweigen gebundener Kranz mit Schleife: „Zum Gedenken an die verstorbenen Mitglieder der Hollinger Schützengesellschaft“, dieser wird im Anschluss an die heilige Messe am Ehrenmal nieder gelegt. Zusammen mit den Königen und Jubelkönigen, ihren prächtigen Ketten und Schärpen, den uniformierten Spielmannszügen, dem Vorstand sowie den übrigen Mitgliedern in weißer Hose und dunklem Jackett, den markerschütternden Klängen des Orchesters, erleben die Kaisers einen festlichen Gottesdienst. Von der Kanzel werden Grüße der teilnehmenden Kinder aus den Jugendlägern ausgesprochen, die jetzt eigentlich viel lieber beim Schützenfest wären. Alles in Allem eine beeindruckende Kulisse. „Helm ab zum Gebet!“ heißt das Kommando des Majors nach den Gedenkworten des Pfarrers an der Kriegergedächtniskapelle. Errichtet seinerzeit zum Andenken an die Gefallenen und Vermissten des 1. und 2. Weltkrieges, die auf zwei Tafeln im Innern der Kapelle verewigt sind. Ein Trompeter bläst „Ich hatt‘ einen Kameraden“ und alle verharren im stillen Gebet. Die Könige legen den Kranz in den Eingangsbereich der Gedenkstätte, zupfen noch einmal die Schleife zurecht. Eine Zeremonie, die nicht nur reine Pflichterfüllung ist. Den meisten derzeit aktiven Schützenbrüdern sind die auf den Tafeln genannten Männer die für’s Vaterland ihr Leben ließen, nicht bekannt, sie gedenken in diesen Minuten den Verstorbenen der jüngsten Zeit, die vielleicht noch im vergangenen Jahr an genau dieser Stelle neben ihnen gestanden hatten: Das Leben ist vergänglich, die Erinnerung gegenwärtig und das Andenken kann und soll bewahrt bleiben. Die Vereinsfahne begleitet die Schützenbrüder bis an ihr Ende, nimmt als letzten Gruß daran Teil, wenn das Mitglied zu Grabe getragen wird und versinnbildlicht so die Verbundenheit untereinander: „Du warst einer von uns und wirst es auch immer bleiben.“ „Det find ick jut, det man trotz allem Feierns ook an die schlechten Zeiten erinnert. Det is wichtig, ook, wenn hier Frieden is, – wo überall uff unser’n Planeten sind se denn jerade jetzt schon wieder am Ballern, – musste doch bloß mal inne Glotze kieken, dann hörstet…“ Berliner Schnauze kann auch anders klingen. 120 Birken, und alle mit grünen, roten und weißen Papierrosen geschmückt, sind rund um das Vereinslokal aufgestellt. Der Eingangsbereich zum ebenfalls festlich geschmückten Saal wird von zwei großen Fahnenmasten flankiert, – an diesen wehen selbstverständlich die Fahnen in den Vereinsfarben, vom Betrachter aus gesehen grün links und rot rechts. Bei den Hausfahnen hängt grün außen, zur Straße hin. Der Festplatz in den Anlagen der Gaststätte unter der Vogelstange sowie die Straßenzüge rund um das Vereinslokal sind mit grün-roten Wimpeln ausgehangen. Frauen und Kinder, darunter auch Marianne Kaiser aus Berlin, stehen am Straßenrand. „Se kuemt drantrekken!“ versteht sie zwar eigentlich nicht, was wirklich gesagt wurde, weiß aber, was gemeint ist. „Küent se mi denn wull verstaohn, wenn ick so met ju küere?“ Das Fragezeichen in Marianne’s Gesicht will immer größer werden, – sie lächelt jedoch freundlich zurück. „Also nich, – häbb ick mi doch faorts dacht.“ (wird forgesetzt)

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht.

Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.