Schuetzenfestsafari_neu2

Rainer Kaiser hat sich inzwischen an das Marschieren gewöhnt, hier und da muss noch die Verse des Vordermannes dran glauben, aber morgen, wenn noch einmal 100 Schützenbrüder mehr als heute mitlaufen, dann wird er von den anderen nicht mehr zu unterscheiden sein. Jetzt beim Einzug in den Saal spielen alle, das heißt, beide Spielmannszüge sowie das Blasorchester, gemeinsam „Preußen’s Gloria“. „Da kullert et mir ja kalt den Rücken herunter“, Marianne kennt diesen Marsch noch von ihrem Vater. Ihre Bemerkung jedoch wird von den gleichmäßigen Schlägen der gerade vorbei ziehenden Pauken übertönt.

Im Saal beginnen nun die Ehrungen langjähriger Mitglieder. In diesem Jahr gilt es eine besondere Ehrung vorzunehmen: 70 Jahre Mitglied der Schützengesellschaft und damit so lange wie kein anderer vor ihm. Die übrigen Mitglieder stehen von ihren Plätzen auf, zollen Respekt und klatschen Beifall als ihm die Ehrennadel von der noch amtierenden Königin ans Revers geheftet wird. Wenn sie doch in dem Alter alle noch so rüstig wären….

Am Rande bleibt noch Gelegenheit, mit dem ein oder anderen Schützenbruder zu reden, – selbst die Hürde Berlinerisch-Plattdeutsch wird nach anfänglicher Gewöhnungsbedürftigkeit schnell genommen. Tanzen will Frau Kaiser nicht, ihr tun die Füße weh. „Na, wenn de dafür nachher keene Kopfschmerzen hast, is det in Ordnung wa.“

Die Kopfschmerzen jedoch hat Rainer selber am anderen Morgen, als er mit den Hollingern zum gemeinsamen Kirchgang aller Emsdettener Schützengesellschaften in die Innenstadt einzieht. Die voranmarschierenden Spielmannszüge spielen „König Friedrich“, weiter vorne spielen die Hagelisten den „Geburtstagsmarsch“, die Westumer kommen mit dem Niedersachsenlied entgegen, von rechts ertönt „Das Lieben bringt groß Freud“, wieder eine imposante Kulisse, aber mit Gleichschritt ist es nun völlig vorbei, verstört und beide Hände ringend nach Hilfe suchend schaut er umher, sieht dabei den eigenen Zug im Schaufenster sich spiegelnd: „Det wer’n ja immer mehr, wie macht n ihr det bloß?“ Tatsächlich sind an diesem Morgen schon allein fast über 500 Spielleute in Emsdettens „guter Stube“, Vorstände, Chargierte, Kettenträger vom Kinderkönig bis zum Kaiser sowie die hinterher marschierenden Mitglieder der 17 Emsdettener Schützengesellschaften und eine fast ebenso große Anzahl an Zuschauern kommen hinzu. Somit befinden sich an diesem Schützenfestsonntag um 9.00 Uhr bereits mehrere Tausend Menschen in den Straßen rund um den Kirchturm von St. Pankratius und später auf dem Marktplatz hinter dem Rathaus, wenn dort die Sieger und Platzierten diverser Schießwettbewerbe geehrt werden. Marianne wird es zu peinlich, als die Hollinger an ihr vorbeiziehen: „Mensch Rainer, komm da raus, du machst dich ja lächerlich!“ „Nee nee, det klappt schon, – wird immer besser!“ läuft er gerade auf seinen Vordermann auf, weil er das Kommando des Majors nicht gehört hat. „Det war meene Frau in Schuld!“, versucht er sich zu entschuldigen. „Ick glaiv, dat beste is, wenn du van naomdag in’n Jubelwagen metföhers.“ Rainer stimmt verständnislos in das Gelächter der übrigen Männer mit ein.

Geschätzte 100 Schützenbrüder laufen als „gemeines Volk“ hinterher, angeführt wird der würdevolle Tross von den Majoren, Spielmannszügen, dem Blasorchester, den Königen, Jubelkönigen, Vorstand und den beiden Fahnenabordnungen. Über 200 Schützenbrüder ziehen zum Haus des noch amtierenden Jungmännerkönigs. Ca. 50 Meter vor Erreichen des Zieles stimmen beide Spielmannszüge, wie auch das Blasorchester gemeinsam den „Bauern I“-Marsch, „Mit Sang und Klang“ an. Den Nachbarn und Verwandten des Königspaares, welche mit Kind und Kegel die Straße säumen, bietet sich bei sonnigen 27° C ein schönes Bild. Digitalkameras, sowohl Foto als auch Film laufen auf Hochtouren. Für die Jüngsten im Spielmannszug, gerade einmal 12 Jahre alt, ist es das erste Schützenfest, bei ihnen setzt plötzlich ob der Masse an Zuschauern das Lampenfieber ein, erschwerend hinzu kommt die Konzentration auf das Spielen ihres Instrumentes sowie gleichzeitig den Gleichschritt halten.

Und plötzlich hört man ganz ungewohnte Töne vom Straßenrand, – nicht nur ungewohnt auf Grund des Berliner Dialektes, vielmehr ungewohnt vom Inhalt der Aussage: „Kiek ma, det is mien Menne!“ Marianne ist schlichtweg begeistert und stolz auf ihren Rainer. Dieser winkt ihr schon von Weitem zu: „Nu hab ick et bejriffen – der Paukenschlag is immer uff links!“ – Bei diesem Marsch soweit richtig, – aber da kommen ja noch die mit Doppel- oder Gegenschlag….

 

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht.

Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.