Schuetzenfestsafari_neu2

Bis hin zum letzten Mann ist das kräftige Organ des Majors zu hören: „Abteilung halt! Liiiinks um, zur Verleihung der Königsplakette übergebe ich das Wort an den 1. Vorsitzenden.“ Ein kurzer Rückblick auf den Königsschuss im vergangenen Jahr, der 83. war es, bei dem die Menge und vor allem er selber in Jubel ausbrach. „…aber nicht nur beim Fest, direkt nach Deinem gezielten Schuss, auch während des gesamten Jahres warst Du ein würdiger König, – dieses Jahr ist nun zu Ende, in wenigen Stunden wirst Du die Kette, äußeres Würdenzeichen eines Schützenkönigs, an Deinen Nachfolger übergeben. Damit Du aber dennoch auch in kommenden Jahren an dieses Vergangene erinnert bist und auch für jeden als ehemaliger Jungmännerkönig erkennbar bleibst, überreiche ich Dir hiermit die Königsplakette. Trage sie von nun an bei allen offiziellen Anlässen unserer Gesellschaft.“ Vorstand, Chargierte, Fähnriche, Könige und Jubelkönige sind nun Gäste im Hause des Königs, – alle übrigen werden draußen bewirtet, aufgrund der anhaltenden Hitze sind die gekühlten Getränke heiß begehrt.

„Boah, kiek ma, nen P601!!! – So een‘ bin ick auch ma jefahr’n. Dat et den noch jibt….“ Unter Schützenbrüdern gibt es keine Sprachbarrieren. „So ne hochtechnische Bezeichnung für nen Trabi…“ „Respekt, ich dachte eigentlich immer, die Dinger hießen Rennpappe.“ „Aber det is eener in Farbe, – blau war schon wat exklusivet, ick hatte bloß een’n in kollektiv-grau. Wem jehört denn der, weeß dat eener, ist det eener von uns?“ „Aower wisse doch is dat eenen von us, – ‚Wir sind ein Volk‘, dat häbbt i doch daomaols roopen.“  „‚Wir sind das Volk‘, unsere Rufe waren stets ‚Wir sind das Volk‘ – Ne Wiedervereinijung wie se dann passiert is,damit hat ja im Anfang jar niemand jerechnet wa. Warum sollten wir denn ‚Wir sind ein Volk‘ rufen? Det jibbt ja nich wirklich n Sinn, – wir wollten bloß sajen – Wir sind das Volk. Und in ner demokratischen Republik wollten mir die Demokratie ook leben. Ick bin ja selbst dabei jewesen. – Übrijens, kennt ihr den: Treffen sich n Ossi und n Wessi, sacht der Wessi ganz hochnäsig und herunnerkiekend ‚Wir sind ein Volk!‘ und lacht sich kaputt – sacht der Ossi: ‚Wir ook!'“

Beim 25-jährigen Junggesellenjubilar gehören die Kaisers dann mit zu den Offiziellen die ins Haus gehen und anschließend mit den anderen Königen , der Fahne usw. unter dem Präsentiermarsch des Blasorchesters wieder ausgeholt werden. Das Jubelpaar steht am Eingang und nimmt die Glückwünsche entgegen. Nachbarn und Freunde helfen dabei, die rund 200 durstigen Kehlen zu versorgen. Maximal 20 Minuten darf der Aufenthalt hier dauern, gilt es doch noch einen weiteren Jubelkönig auszuholen. Im Wohnzimmer des Jubelpaares wird es eng, die Fahne steht in einer Ecke ans Bücherregal gelehnt, die Frau des Hauses bangt etwas um das gute Porzellan ihrer Großmutter, welches zwar nicht mehr benutzt wird, aber optisch ein Schmuckstück ist, der Wert wird ob des hohen Alters auch nicht gering sein. Die buschigen Federhüte der Reiterei und Fähnriche liegen auf dem Tisch. „Mach mal Platz!“ kommt jemand mit einem Tablett, doch bevor er es abstellen kann, hat sich schon jeder bedient. „Wochte, renn nich so gau wier wech“, wird ihm schon das erste leere Glas wieder mitgegeben. „Könnt ick wohl een Wasser bekommen?“ Bei Rainer sind die Kopfschmerzen vom Morgen noch gegenwärtig. Marianne hat sich ein Bier vom Tablett genommen: „Mensch Rainer, det is hier Schützenfest un keen Kinnerjeburtstag!“

„Zu den Königen die Augen rechts!“ noch hält die Stimme des Majors den Anforderungen stand. Der Jubelkönig voran, weitere Könige, Fähnriche und Vorstand folgend, verlassen sie im Gleichschritt das Haus. Rainer schaut etwas verwundert drein, als seine Frau auf Anhieb Schritt hält und dabei noch – jeden Anflug von Konzentration vermissend – fröhlich in die Menge winkt, verschwendet jedoch keinen weiteren Gedanken, um dieses staatsmännische Zeremoniell, bei dem er sich als Präsident des Gastlandes fühlt, so richtig zu genießen. Wegen des langen Weges von der Haustür bis an die Straße muss das Orchester ein zweites Mal den Auftakt spielen und erst nach dem Trio senkt der Dirigent den Taktstock. Aufgrund der anhaltenden Hitze sind solche „Überlängen“ insbesondere für die Bläser eine schweißtreibende Angelegenheit.

„Hollinger Schützengesellschaft still gestanden, – reeechts ummm, – im Gleichschritt, gleich linksschwenk Marsch!“ Marianne hilft noch etwas beim Aufräumen als der abziehende Tross immer leiser wird. Kurze Zeit später hört sie aus der Ferne das Einsetzen aller drei Musikgruppen zum gemeinsamen Spiel, soll heißen, „dat Gelaog“ ist beim nächsten, dem 50-jährigen Jubelkönig, angekommen. Die Laudatio des Vorsitzenden wird auch hier kurzweilig aber informativ sein, – Ehre wem Ehre gebührt.

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht. Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.

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