Schuetzenfestsafari_neu2

Die Kinder zucken bei jedem Schuss zusammen, jubeln aber dann, wenn Flügel, Schwanz oder Kopf getroffen werden und auf das Pflaster schmettern. Die Männer vom Vorstand haben alle Hände voll zu tun um die Kleinen davon abzuhalten, auf Trophäenjagd zu gehen. Vom einstigen stolzen Aar ist nur noch der Korpus übrig, auf diesen wird jetzt rücksichtslos eingedroschen. Fünf Mitglieder haben sich herauskristallisiert, einer nach dem anderen, äußerlich gefasst, innerlich nun doch etwas nervös, gehen sie unter die Stange, warten die Anweisung des Mannes ab, der nachlädt. Lauf oben oder unten und somit der vordere oder der hintere Abzug. Der „Vogel“ hat sich schon einige Male gedreht, sieht mächtig rasiert aus, sitzt derart locker, dass er auf der Stange bei jedem Schuss hoch und runter rutscht, tanzt, als wolle er dem auf ihn abgegebenen Kugelhagel ausweichen. Der Schütze legt an, Konzentration, im ganzen Rund ist es still, nur das unanständige Wort mit Sch… eines Kindes, dessen Eis in den Sand gefallen ist, ist zu hören.

Mehrere Hundert Augenpaare schauen gebannt auf den Schützen und dann wieder zum Kugelfang. Ihm selber gehen jetzt die unmöglichsten Gedanken durch den Kopf. Seine Mitbewerber bezweifeln, dass ihnen noch eine Chance bleibt. Kimme und Korn stimmen überein, sind genau auf den Vogel fixiert, jetzt müsste der Schuss kommen, seine Hände sind feucht, er glaubt, nicht richtig zu stehen, legt noch einmal neu an. Wieder Konzentration, wieder Kimme und Korn, es passt, das muss es sein.  „Klick!!!“ Ein leises Klick, – ein Klick statt Peng – er hat am falschen Abzug gezogen. Ein Durchatmen geht durch die Bänke und gleich darauf baut sich erneut eine Spannung auf, wie sie schon einige Sekunden zuvor herrschte. Dieses Mal hat er den Finger am richtigen Abzug, eine Lerche trällert vergnügt ihr Lied in der wuchtigen, schattenspendenden Eiche. Er zieht den Finger bis zum Druckpunkt …. schießt …. trifft …. das letzte Stück Holz prescht gegen die Rückwand des Kugelfanges, spaltet sich…. „Jaaa… Ohhhh…“ Zunächst ein Ansatz von Jubel, dann geht ein Raunen durch die Reihen. Die Freundin des Schützen hatte sich die Augen zugehalten, scheint jetzt erleichtert zu sein. Der schon sicher geglaubte König dreht sich, verlässt den Schießstand, kann nicht verstehen, dass noch immer ein Reststück auf der Stange steckt. „Kann man wohl nichts machen!“, – tatsächlich aber ist er den Tränen nahe. Er wünscht seinem Konkurrenten, der jetzt den Schießstand betritt, viel Glück.

„Det is ja spannender als ne Verfoljungsjagd uff der AVUS.“ „Det kannste doch nu wirklich nich mit’nander verjleichen.“ „Ob ick da ook mal een Schuss machen dürfte?“ „Jetze, wo et ums letzte jeht, – dir is die Sonne wohl nich jut bekommen wa?“ „Müsste mir halt noch ne Könijin suchen…“ „Du Rainer, sach ma, war det wirklich Wasser wat du da eben jetrunken has?“

Plötzlich ein lauter Knall, Jubelschreie, die Kinder rennen zur Stange um sich Teile des zerzausten Adlers zu sichern, die die nächsten zwei Wochen stolz präsentiert werden, danach vermutlich in der Mülltonne oder im Herdfeuer landen. Der neue König kann es kaum fassen, schlägt die Hände über den Kopf zusammen, ist überglücklich. Der „Pechvogel“ vom Schuss zuvor ist erster Gratulant, von allen Seiten kommen sie nun herbei, der Major lässt den neuen König hochleben, den jetzt alten König, die Jubelkönige. Man kann förmlich spüren, wie dieser Schuss die Spannung aus der Luft genommen hat. Das Orchester spielt „Hoch soll er leben“. Ein junges Mädchen wird von ihren Freundinnen belagert, – vermutlich die zukünftige Königin. „Oh mein Gott, was soll ich bloß anziehen, – ich hab doch nie geglaubt, dass der das ernst meint.“ „Eure Majestät, wenn es Ihnen nicht zu gewöhnlich ist, dann könnte ich Ihnen mein Cocktail-Kleid leihen.“ „Macht Euch nur lustig, meint Ihr, das pass mir?“ „Wenn wir uns beeilen, dann können wir noch Anprobieren und notfalls was Anderes suchen.“ „Ich muss aber erst zu meinem Schatzi!!!“, kommen jetzt auch ihr die Tränen, – in diesem Fall jedoch Freudentränen.

 

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht.

Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.