Schuetzenfestsafari_neu2

Inzwischen mit Kette und Schärpe ausgestattet, nimmt er die  zahllosen Glückwünsche entgegen, die Spielmannszüge bringen sich in Marschordnung, auf den Schultern seiner Mitaspiranten wird er nun in den Saal getragen, zum Königstisch. „Und Du holst morgen die Scheibe!“ lautet der erste Befehl in seiner Regierungszeit. ‚Häuptling der-vor-ihm-schoss‘ lächelt zwar angestrengt, ist aber sichtlich enttäuscht ob seiner eigenen Niederlage. Schon bald sollte aus ihm ‚Häuptling der-ein-sch….-Schützenfest-hatte‘ werden.

Nicht alle Mitglieder waren unter der Vogelstange als es spannend wurde. Für die älteren untere ihnen ist im Saal extra ein Tisch reserviert, ein Vorstandsmitglied ist nur mit der Betreuung der Senioren beschäftigt. Richtig gefeiert, so wie die jungen Leute von heute das tun, haben diese Herren vor 40 oder gar 50 Jahren. Heute wird die weiße Hose nur für zwei, drei Stunden am Nachmittag aus dem Schrank geholt, – nur weil man dabei sein muss, – Tradition? – hier an diesem Tisch sitzt Schützenfesterfahrung pur. Erinnerungen an schöne aber auch nicht so schöne ‚Schüttenbeers‘ werden ausgetauscht. Festzustellen bleibt, dass sich seit damals eigentlich nicht viel wirklich geändert hat, es ist einiges im Laufe der Zeit angepasst worden um den jeweils aktuellen Ansprüchen Genüge zu tun. Nette Anekdoten werden erzählt, wie zum Beispiel der König beim Eier essen eingeschlafen ist oder die Königin, nichtwissend, dass es auch einen Schützenfestmontag gibt, die Schärpen noch in der Sonntagnacht gebügelt und in den Schrank gehangen hat. „Dat sind Dinge, de vergett’m nich.“ Oder wees noch, es daomaols, irgendwann inne Siemziger mot dat wesst sien….“

….wird diese spannende Unterhaltung unterbrochen als die beiden Spielmannszüge voran, der neue Jungmännerkönig, noch immer auf den Schultern seiner Kollegen sitzend, in den Saal eingezogen kommt. Er winkt ’seinem Volk‘ zu, diese erwiedern seinen Gruß und freuen sich mit ihm. Auf der Bühne angekommen, lässt der Major alles hochleben, was Rang und Namen hat. Jetzt, wo er da oben so zwischen all den Leuten einsam steht, wird ihm langsam bewusst, was wirklich passiert ist. Ein Jahr lang muss er nun seine Schützengesellschaft repräsentieren. An sämtlichen Vereinsveranstaltungen teilnehmen, er bekommt einen Bezirk zugeteilt, in welchem er die Einladungen an die Mitglieder zu verteilen hat und nicht zuletzt sind die jeweils amtierenden Könige ja auch für die Pflege der Kriegergedächtniskapelle zuständig.

„Was jetzt wohl zuhause los ist, – ruf mal eben an, die sollen mir Sachen zurecht legen, dass ich gleich noch fix duschen kann.“ Erste Absprachen werden gehalten mit dem Vereinswirt und der zuständigen Kellnerin, wie die Bewirtung heute Abend beim Königsball am Königstisch ablaufen soll. Der neue König hat seinen Bruder als Schatzmeister bestimmt.

Im Saal ist es recht lebhaft, Kinder spielen, Mütter unterhalten sich beim Kaffee, Väter beim Pils an der Theke, als plötzlich Menschenmassen durch jede zur Verfügung stehende Öffnung in den Saal gestürmt kommen, draußen hat es angefangen, wie aus Eimern zu schütten. Der Vorstand überlegt schnell einen ‚Plan B‘. In einer halben Stunde soll zum Haus der neuen Majestät marschiert und von da die Königinnen und Vorstandsdamen, allesamt in festlicher Kleidung, ausgeholt werden. – So lautet ‚Plan A‘, der aber bei einem solchen Regenguss wohl nicht zur Ausführung kommt.

Der Adjutant, einer der beiden ‚Nebenläufer‘ des Majors, kommt gerade zurück, er hat die Königsfahne, eine grün-rote Vereinsfahne mit aufgestickter goldener Krone vom Haus des jetzt ehemaligen Königs zum neuen Königshaus gebracht. Dort herrscht erwartungsgemäß hektisches Treiben, Getränke etc. müssen organisiert werden. Ein Kindermädchen für den Abend, – eigentlich waren die Schwiegereltern vorgesehen, aber die sind natürlich später Gäste am Königstisch.

Während oben auf der Bühne weitere Glückwünsche entgegen genommen werden, setzt ‚Häuptling der-vor-ihm-schoss‘ zum Heimweg an, er war so verdammt nah dran…..

Der Wettergott hat doch noch ein Einsehen. Es bestand lange Zeit keine Hoffnung auf Wetterwechsel, -besserung, das Antreten wurde um 20 Minuten herausgezögert, – die muss man jetzt irgendwo wieder einholen. Erneut unter den Klängen des Präsentiermarsches kommen die Kettenträger und Vorstandsmitglieder aus dem Haus marschiert, diesmal mit Partnerin, auch die Majore und die sogenannte Reiterei ist an der Zugspitze in weiblicher Begleitung. Paarweise ordnen sich die Würdenträger mit den feierlichen Roben in die Marschordnung ein. Vornehmlich für den weiblichen Teil der Zuschauer am Straßenrand Anlass, sich ‚auszutauschen‘.

„Hatte die das nicht schon im letzten Jahr an?“ „Das sieht aber gut aus.“ „Etwas unvorteilhaft, findste nich? – gerade bei der Figur….“ „Also ich weiß nicht….“ „Die kann ja alles tragen..“ „Die ha’m sick alle uff ihre Art Mühe jejeben und scheen jemacht, det alleen is doch wichtig. Wenn halt mal eene dabei is, die von der Natur her andere Voraussetzungen hat, denn is det halt so. – Ick find, die seh’n alle wunderschön aus!!!“ Mariannes offenes aber ehrliches Plädoyer erntet zunächst großes Erstaunen, nach kurzer Zeit des Überlegens stimmen die umstehenden ‚Moderatorinnen‘ ihr jedoch zu: „So hab ich das ja auch nicht gemeint….“

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht. Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.