Schuetzenfestsafari_neu2

Rainer lässt die Polonaise erst an sich vorbei ziehen, bevor er sich einreiht. Auch er bewundert das Äußere der Königinnen, wobei ihm manchmal nicht das, was sie an haben ein Lächeln entrückt sondern eher das, was sie nicht an haben. „Hätte ick doch jetzt bloß keen Wasser jetrunken, dann könnte ick det doppelt seh’n…“ gerät er, nicht ganz ernst gemeint, ins Schwärmen. Die ‚Vorzüge des Doppeltsehens‘ relativieren sich aber ganz schnell, als er merkt, dass diesmal ihm in die Hacken getreten wird. Sein Hintermann scheint wohl etwas zu tief ins Glas geschaut zu haben. Die Konzentration liegt hier nicht auf Gleichschritt, sondern darauf überhaupt unfallfrei vorwärts zu kommen.

„Einmal Pommes Bratwurst bitte.“ „Mit Senf?“ „Möglichst scharfen sogar.“ Nur unbedeutend kurze Zeit später: „Häuptling Große-Bratwurst ist auf seinem letzten Weg in die ewigen Jagdgründe geritten.“  „Bratwurst, geritten, – jo, alles klar…“ „Sicher geritten, – auf einer Gabel ist Häuptling Große-Bratwurst geritten.“ Noch geht es an der Pommesbude direkt neben dem Saaleingang recht ruhig zu, sobald aber der festliche Zug eingetroffen ist, die Ehrentänze getanzt sind, werden die Damen und Herren hinter dem Grill und an der Friteuse mächtig ins Schwitzen kommen. Langsam aber sicher füllen sich die Bürgersteige rund um das Vereinslokal. „Von wo kommen die denn gezogen?“ Der direkte Weg über die Hauptstraße wird (mit Blick zum Himmel) der sicherste sein.

Die Tanzband, die für die beiden Königsbälle am Sonntag und Montag engagiert wurde, macht einen letzten Sound-Check. Die neue Front-Frau ist heute zum ersten Mal dabei, hüstelt noch etwas verlegen vor sich hin, lutscht an einem Hustenbonbon, – das Schlimmste, was ihr jetzt passieren könnte, – dass die Stimme versagt, davor hat sie am meisten Angst.

„Se kuemt drantrecken!“ Diesen Satz hatte Marianne doch schon einmal gehört? Gestern Abend, fast zur gleichen Zeit an gleicher Stelle. Eindrucksvoll, auf voller Straßenbreite lässt die Berlinerin den Umzug auf sich zu kommen. Die Majore mit Uniformen, blitzenden Säbeln, bunten Federhüten auf dem Kopf und die Partnerin in festlichem Abendkleid oder Kostüm im Arm. Der Blumenstrauß, den alle Damen halten, die hier zeigen, dass Gleichschritt gar nicht so schwer ist, ist einheitlich in den Vereinsfarben gehalten: rote Rosen sind verarbeitet, grünes Blattwerk eh, weiß schimmerndes Farnkraut. Nach den Ehrentänzen stehen im Bühnenkeller Blumenvasen bereit, die Gebinde müssen auch morgen Abend noch frisch aussehen.

Marianne fotografiert unaufhörlich, ihre Nachbarn und Freunde in Berlin werden beeindruckt sein, wenn die Kaiser’s zu einem ‚Schützenfest-Dia-Abend‘ einladen. Heimlich hat sie sich bereits einige Papierrosen in ihre Handtasche gesteckt, mit welchen sie ihr Wohnzimmer schmücken wird. Kurz vor der Abreise will sie noch fragen, ob sie 1-2 Meter grüne und rote Wimpel vom Straßenschmuck mitnehmen dürfe.

Der Junioren-Spielmannszug ‚lockt‘ an und dann setzen sie zum gemeinsamen ‚König Friedrich‘-Marsch an, ein Stück, bei dem es einem schon bei einer einzelnen Gruppe kalt den Rücken herunterläuft – wenn jetzt 90 Spielleute ihre Instrumente erklingen lassen, dann entsteht da schon die ein oder andere Gänsehaut am Straßenrand. Auch für die Spielleute ist dies eine dankbare Kulisse, die sich hier am Straßenrand bietet. Eine Menschentraube, beginnend 50 Meter vor der Gaststätte, endend erst im festlich geschmückten Saal, direkt vor der Bühne. Fünf Mal wird dieses Stück durchgespielt, dann hat auch der letzte Schützenbruder den Saal erreicht. Die Anstrengungen des Tages sind jedem einzelnen ins Gesicht geschrieben, – und dennoch wird dieser Tag noch lange nicht zu Ende sein. Das Feiern beginnt erst jetzt so richtig.

Doch vorher haben unsere Gäste aus Berlin, Rainer und Marianne Kaiser, noch Gelegenheit, mit den neuen Regenten zu Abend zu essen. Ein Tisch ist extra reserviert und das neue Jungmännerkönigspaar wird auch sofort bevorzugt bedient. Die eingeladenen Gäste warten schon darauf, endlich gratulieren zu dürfen.  Allein der Weg vom Königstisch bis in die eigentliche Gaststube ist beschwerlich, immer wieder wird er aufgehalten, muss Glückwünsche entgegen nehmen und schaut dabei in triefend nasse Gesichter und Haare. Draußen hat es inzwischen begonnen, fürchterlich zu regnen. Wer jetzt noch nicht im Saal oder bei den anderen Emsdettener Gesellschaften auf einem Festzelt ist, dem könnte die Lust vergehen, das sichere Eigenheim zu verlassen.

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht. Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.