Schuetzenfestsafari_neu2„Spätestens seit letzten Samstag ist hier alles in Schützenfestlaune und auch nur noch auf das Eine fixiert.“ „Wat war d’n letzten Samstach?“ An den Berliner Dialekt muss man sich tatsächlich erst gewöhnen, – aber hat was, – irgendwie. „Ihr mit euerm Plattdeutsch für Schützenfestprovinzler…“ versuche diesmal ich einen Lacher zu landen…. – vergeblich, die Kaisers aus Berlin haben bereits ihre Kamera gezuckt und diese rattert unaufhörlich. „Det jute an diesen Dijitalkameras is ja, det man allet wieder löschen kann. wenn se vulle is.“ „Bloß darfste nich wieder verjessen, det de vorher überspielst bevor de löscht, wie beim letzten Mal, 400 Aufnahmen, allet futsch.“ „Ick kann mich nich daran erinnern, dich jefragt zu ha’m.“

Traditionell am Samstag vor dem eigentlichen Schützenfest ist das sogenannte Vougel bekieken. Die noch amtierenden Könige präsentieren die hölzernen Vögel, mit Hilfe derer die neuen Majestäten ermittelt werden sollen. Bei Bier, Würstchen vom Grill und den Klängen der Spielmannszüge kommt man dann auch schnell in Schützenfeststimmung und kaum einer ist an diesem Abend dabei, der sich nicht bei dem Gedanken erwischt „Mensch, Schützenkönig, das wolltest du doch immer schon mal werden…“ – und tatsächlich gehen einige mit dem festen Entschluss nach Hause, am kommenden Wochenende um die Würde des Jungmänner-, des Männer- oder des Scheibenkönigs zu ringen. Bei einigen ist dieses Vorhaben jedoch schon am nächsten Morgen relativiert. Entweder die vermeintlich zukünftige Königin oder der benebelte Blick auf den Vorabend lassen die kurzweiligen Zukunftspläne wie eine Seifenblase zerplatzen, – zunächst…. „Jo, da jing et schon richtig zur Sache wa? Det kann ick mir vorstell’n.“

„Mensch Rainer, nu kiek doch mal wie dolle det hier alle jeschmückt is. Und da, – die kratzen sojar det Moos aus de Fujen von de Infahrt – und wat die für schöne Vorjärten ha’m.“ „Warum gloobst du ejentlich immer, ick seh det allet nich??? Und wenn de nen Vorjarten ha’m willst, denn muss de raus nach Wannsee zieh’n. Aber dafür werden die paar Penunzen, die ick nach Hause bringe wohl nich reichen.“

Tatsächlich herrscht reges Treiben auf den Straßen und Bürgersteigen. Wo schon am Nachmittag die Marschmusik der Spielmannszüge zu hören sein wird, regieren im Moment noch die Rasenmäher, die sich ein Wettbrummen zu liefern scheinen. Die Fahne des Nachbarn wird begutachtet, die eigene zurechtgezupft, ein Büschel Buchsbaum an die Mastspitze trappiert. Hier wird der eher grobmotorisch veranlagte Westfale plötzlich zum Detail-Fanatiker. Dieses Knistern in der Luft scheint nun endgültig auch unsere Gäste gepackt zu haben. Berlin-Tourismus einmal anders herum. War für mich im vergangenen Jahr noch das Brandenburger Tor oder das Olympiastadion Objekt meiner Kameralinse, gehören hier die aufgestellten und mit Papierrosen geschmückten Birken, „Hoch lebe das Königspaar“ und die falsch herum hängende Fahne, die „nach Hexenkasse riecht“ zu den Dingen, die unbedingt für die Nachwelt festgehalten werden müssen.

„Aber jetzt wird erstmal gegessen und dann zeig ich euch euer Quartier für die nächsten Tage, – etwas „Augenpflege“ heute Nachmittag wäre nicht schlecht, davon gibt’s in den nächsten Tagen nicht viel… Nachher, um Punkt 17.30 Uhr ist Antreten, – und von da an ist Schützenfest nicht mehr zu stoppen.“ „Nee du, lass ma, wir ha’m noch Schrippen.“ Im selben Moment sind Käsebrötchen und Thermoskanne ausgepackt.  „Entschulje, darf überhaupt im Auto jejessen werden?“ „Nein, darf nicht, das Essen dürfte bereits auf dem Tisch stehen, end of discussion und end of Sightseeing.“ „Jibt wahrscheinlich wat besseret wa?“ Mehr ein feststellender Wunsch als eine Frage.

Die Kaisers würden sich als dankbare Besucher erweisen, welche die Gastfreundschaft sicher nicht ausnutzen werden, soviel stand jetzt schon fest. Die vier Meter lange Mastfahne weht beeindruckend im Wind als würde sie den Berlinern auf Schützenfestsafari zur Begrüßung winken.

(wird fortgesetzt)

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Manfred Schwegmann, im “richtigen Leben” Buchhalter eines international tätigen Fenster- und Fassadenbauers hier am Ort. Schwegmann war nebenher zwei Jahre als freier Mitarbeiter für die hiesige lokale Tageszeitung aktiv, hat zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigten Schützengesellschaften von Emsdetten deren Geschichte zusammen gefasst und in einem Buch veröffentlicht. Neben weiteren kleinen war sein (zumindest in den Ausmaßen) größtes Projekt wohl die Glückwunschkarte zum Stadtjubiläum. 1.620 Portraits Emsdettener Bürger auf einer 163,8 qm großen Karte zierten im Jubiläumsjahr 2013 für sieben Wochen die Rathausfassade. Schwegmann führt zudem die Chronik der Hollinger Schützengesellschaft in Wort und Bild.